Home

Erfahrungsbericht

Ich wurde am 29. März 1978 als erste von 3 Töchtern eines Ingenieurs und einer Erzieherin in einer westfälischen Kleinstadt geboren. In Übereinstimmung mit dem gängigen Klischee über hb-Kinder war ich ein Babysitter-Albtraum, da ich sehr wenig schlief, entgegen dem Klischee konnte ich aber vor der Schule nicht Lesen oder Schreiben.
Meine familiäre Umgebung war zwar konfliktträchtig, aber auch sehr anregend: Meine Mutter ist musisch, tänzerisch und sprachlich begabt, liest außerdem sehr viel und hat eine schnelle Auffassungsgabe und ein gutes Gedächtnis, ist aber frei jeden Ehrgeizes. Mein Vater ist naturwissenschaftlich-mathematisch interessiert und begabt, fleißig, genau und sehr ehrgeizig, leidet aber unter einer langsamen Auffassungsgabe und einem relativ schlechten Gedächtnis. Die Mutter meiner Mutter sprach Italienisch (erlernt aus „Langeweile“), Oma war Feministin und reiselustig, ihr Mann war traditionell und gemütlich orientiert, die Mutter meines Vaters war hektisch und nervös, hatte aber ebenfalls ein gutes Gedächtnis, nur mangels Bildung oft Ausdrucksschwierigkeiten. Auch ihr Mann war fleißig und gründlich, außerdem sprachbegabt (Russisch aus Kriegsgefangenschaft).
Aus all diesen Eigenschaften betrachte ich mich heute als eine Gemengelage, was mir insbesondere mit meinen Eltern viele Konflikte eintrug, meine Mutter, deren Begabungen ich weitestgehend habe, versteht allerdings meinen Ehrgeiz nicht, mein Vater bestreitet die Notwendigkeit von Ehrgeiz bei Frauen und neidet mir wohl ein wenig – ohne dies zuzugeben – die leichten Lernerfolge, da er sich alles auf dem 2. Bildungsweg erkämpfen musste. In punkto Mathematik-Naturwissenschaften habe ich ihm jedoch einiges zu verdanken.

Mit 4 Jahren begann ich mit zusätzlichen Aktivitäten, die während der gesamten Schulzeit blieben, wie z.B. Instrumentalunterricht und klassisches Ballett. Von der ersten Klasse an war ich eine Einser-Schülerin, die 2. Klasse ließ ich zum Teil aus, da unsere Familie sich in den USA aufhielt, wo mein Vater arbeitete.
Ab der fünften Klasse des Gymnasiums erlernte ich neben der Schule die italienische Sprache (auch mit Omas Hilfe), ab der 7. Klasse zusätzlich die spanische und ab der 11. Klasse die russische Sprache. Daneben spielte ich Flöte, Akkordeon, Gitarre, Klavier und Kirchenorgel, tanzte im Leistungssport, gab viel Nachhilfe, engagierte mich ehrenamtlich und trieb viel Sport. Selbstverständlich blieb der Notendurchschnitt in dieser ganzen Zeit unter 1,5.

Auf Hochbegabung getestet wurde ich jedoch nie.
Zweimal bot man mir jedoch an, eine Klasse zu überspringen, in der 8. Klasse waren meine Eltern dagegen, in der 11. Klasse war ich selber dagegen, da dies meinen NC gedrückt hätte.

Während der gesamten Schulzeit blieb ich jedoch der typische Strebersau-Aussenseiter, mein kleiner Freundeskreis rekrutierte sich aus denen, die aus anderen Gründen auch Aussenseiter waren, sowie einigen wenigen Freundschaften, die teilweise noch aus Kindergarten/Grundschule bestanden. Auch familiär fühlte ich mich oft unverstanden und stritt insbesondere mit meinen Eltern. Enormer Freiheitsdrang, Einzelkämpfertum und die Aberkennung jeglicher Autorität machten mich zum „schwarzen Schaf“ aller Eltern (auch die meiner Freunde), das hohe Gerechtigkeitsempfinden stieß sich an vielen alltäglichen „schmutzigen Kompromissen“.
Gleichzeitig war ich als die jahrelange Jahrgangsbeste des einzigen Gymnasiums der Stadt und als erfolgreiche Nachhilfelehrerin und Wettbewerbsteilnehmerin (Musik und Sprachen) stadtweit bekannt, was in Form von Gerüchten sonderbare Blüten trieb (das – falsche – Gerücht, ich sei lesbisch, hält sich z. T. bis heute).
Was die sozialen Fähigkeiten betrifft, war ich tatsächlich hinter meinem Alter zurück, hier klaffte typischerweise eine große Lücke zwischen intellektueller und sozialer Kompetenz (Kommunikation, Sexualität, Toleranz...).

Dann kam zunächst eine sehr positive Wende: 1996 wurde ich (in Stufe 12 mit 18 Jahren) in die Schülerförderung der DSA (Deutsche SchülerAkademie) aufgenommen. Zum ersten mal hatte ich den Eindruck, auf Leute zu treffen, die „meine Wellenlänge“ hatten, gleiche Interessen, ähnliche Verhaltensmuster und die ich als wirklich ebenbürtig einstufte. Im Zusammenhang mit der DSA hörte ich zum 1. Mal von Hochbegabung.

1997 verließ ich das Gymnasium mit dem NC 1,0 und wurde wunschgemäß in die Studienstiftung des deutschen Volkes aufgenommen.

Dann kam der große KNALL.

Ende 1997 brach ich auf offener Straße zusammen, Diagnose: akute Psychose. Aus sozialer Überforderung hatte mich die Uni mit ihren vielen intellektuellen Betätigungsmöglichkeiten unter enormen Stress gesetzt, ich hatte mich mit ungezählten Veranstaltungen übernommen, Schlaf- und Flüssigkeitsentzug taten den Rest.
Es folgten 4 Wochen stationäre Therapie, 10 Wochen ambulante Therapie (beide Gott und dem Zufall sei Dank in hochmodernen Fachkliniken), danach 5 Jahre medikamentöse Therapie. Das begonnene Jura-Studium brach ich ab.

Als es mir allmählich besser ging, wandte ich mich meinem Hauptinteressengebiet zu, den Sprachen. Bald erzielte ich dort wieder Bestnoten, auch an die Uni kehrte ich zurück. Wesentlich wichtiger war jedoch, dass ich unter anderem in einer Langzeit-Beziehung und in der hb-Förderung unter Gleichgesinnten ganz langsam begann, die sozialen Rückstände aufzuarbeiten, ich wurde offener, kommunikativer und toleranter gegenüber anderen Menschen und der Gesellschaft.

Bisher scheiterten zwei Versuche, von den Medikamenten loszukommen. Stattdessen fing ich mir Ende 2003 noch eine Angstpsychose ein, die aber mittlerweile auch überwunden ist. Ich hoffe, bald ohne Chemikalien auszukommen. Mittlerweile habe ich einen guten Job und kann mein Leben in vielerlei Hinsicht als gelungen bezeichnen. Schwierigkeiten bereitet jedoch die Suche nach einem geeigneten Partner.

Die Gründe für meine Krankheit und andere Schwierigkeiten sehe ich heute darin, dass ich die soziale Anpassung, die ich bis 19 nie vollziehen musste, in extremen „Sprüngen“ vollzogen habe, die ich nicht verkraften konnte. Obwohl zunächst scheinbar auf der Sonnenseite, haben die negativen Aspekte von hb auch bei mir (zeitweise) durchgeschlagen.

Was mir heute wichtig ist, ist die Toleranz gegenüber allen anderen sowie die sinnvolle Verwendung einer Hochbegabung. Meiner Meinung nach tragen Hochbegabte eine besondere Verantwortung für sich selbst, die Familie/Freunde und die Gesellschaft, da sie über ganz andere Fähigkeiten verfügen. Sobald man mit sich selber im Reinen ist sollte man versuchen, anderen zu helfen. Das ist für mich heute der Grund, mich auch politisch zu engagieren. Auch die Förderung von hb-Kindern halte ich für enorm wichtig, es sollte aber nicht vergessen werden, dass diese nicht nur intellektuell (wie heute meist), sondern vor allem auch emotional und sozial erfolgen muss, wenn diese Kinder eine persönliche, physische und psychische, Stabilität erreichen sollen, die ihnen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu ihrem Wohl und dem Wohl aller einzubringen. Das ist auch die einzige Möglichkeit, individuelle Zufriedenheit und vielleicht auch das persönliche Glück zu finden.

Das Wichtigste scheint mir aber die Bescheidenheit und Freiheit von Arroganz oder Überlegenheitsgefühlen, keiner von uns hat seine Hochbegabung in irgendeiner Weise „verdient“.

Weiblich, 26 Jahre, im April 2004


















[top of page-Seitenanfang]

Last update: 14 June 2004

Disclaimer:
No responsibility for the content of external links can be taken. All opinions experessed are the opinions of the respective authors only - Es kann keine Gewähr für die Richtigkeit externer Links übernommen werden. Der Inhalt externer Seiten unterliegt der Verantwortung der jeweiligen Autoren.

© 2001- 2007 Uta Kreimeier All Rights reserved